GEGEN DAS VERGESSEN

Unzählige Gegenstände begleiten uns in unserem Alltag – manchmal für kurze Zeit, manchmal länger, das meiste wird irgendwann entsorgt, und dann auch vergessen. Der Münchner Künstler Franz-Xaver Donaubauer fotografiert gegen das Vergessen an – er lichtet die Gegenstände ab, die er aus seinem Leben entsorgt. Konserviert sie und damit auch die Erinnerung an die Objekte. Im Blog erzählt er, was ihn dazu bewegt hat, sein Archiv der entsorgten Gegenstände anzulegen.

Was war der Anlass und damit das erste Objekt, das für das Archiv fotografiert wurde?
Das ganze begann im Sommer des Jahres 1985, also vor nunmehr 31 Jahren. Ich war damals 19 Jahre alt, und war im zweiten Lehrjahr in meiner Ausbildung zum Verlagskaufmann. In meinem Sommerurlaub damals war ich zusammen mit meiner Mutter in einem Hotel in Agadir, das ist eine Hafenstadt am Atlantik im Süden von Marokko. Das Hotel war leider stellenweise nicht sehr sauber, die hygienischen Zustände für westliche Verhältnisse recht gewöhnungsbedürftig. Aufgrund unsauberer, bakteriell belasteter Erfrischungsgetränke hatte ich nach einigen Tagen eine schwere Magen-Darm-Infektion mit Fieber. Das Hotelmanagement hat zum Glück schnell reagiert und mir einen Arzt auf mein Hotelzimmer geschickt, der mir sofort eine große Spritze mit einem mir unbekannten Medikament verabreicht hat. Nach der Injektion hat der Arzt die leere Spritze in einen bereitstehenden Abfallkorb geworfen, und hat sich dann auch gleich wieder verabschiedet. Da kam mir plötzlich die Idee, die im Abfalleimer liegende Spritze zu fotografieren, zum einen, weil die Spritze mich an sich wegen ihrer schieren Größe beeindruckt hat, zum anderen, weil mir der ganze Vorgang wichtig war. Immerhin hat der Arzt meine Gesundheit wiederhergestellt und meinen Urlaub gerettet, schon bald danach war ich wieder voll einsatzfähig, am Abend des gleichen Tages saß ich bereits wieder an der Bar. Die Spritze hat somit sehr schnell gewirkt. Schon bald nach diesem Urlaub fing ich damit an, zu entsorgende Dinge zu fotografieren, um diese so zu konservieren und mir die Erinnerung daran zu bewahren. Weil mir diese Dinge durchaus wichtig sind, auch wenn ich sie nicht mehr besitze. Weil diese ein Bestandteil meiner Biografie waren bzw. noch sind.

Macht das Festhalten im Foto die Trennung von den Gegenständen, das Wegwerfen leichter? Warum (nicht)?
Das Festhalten im Foto von Dingen, die ich definitiv entsorgen will, macht für mich die Trennung tatsächlich deutlich leichter. Denn wenn ich etwas entsorge bzw. entsorgen muss, und es vorher ablichte, konserviere ich es gewissermaßen “für die Ewigkeit” bzw. für eine lange Zeit, damit ich nicht vergesse, was ich einmal alles besessen habe bzw. noch besitze. So bleibt mir die Erinnerung daran erhalten. Das Archiv meiner entsorgten Dinge hat für mich vor allem, aber nicht nur, die Funktion eines Tagebuches. Ich habe mit dem Fotografieren von zu  entsorgenden Dingen wie gesagt im Jahr 1985 begonnen, seit 1983 führe ich unabhängig davon Tagebuch. Allerdings notiere ich mir nicht immer jede Kleinigkeit, sondern vor allem wichtige und für mich bedeutende Ereignisse, auch was auf der Welt so alles passiert, wie beispielsweise jetzt die Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA. (Gott schütze Amerika!) Es ist mir früher schwerer gefallen, mich von Dingen zu trennen, heute fällt mir das erheblich leichter, weil sich mit fortschreitendem Alter natürlich auch meine Persönlichkeitsstruktur verändert (hat). Da verschieben sich die Prioritäten, so manches, was mir früher wichtig war, ist heute nicht oder nicht mehr ganz so wichtig. So entsorge ich in jüngerer Zeit auch mal Dinge, ohne diese vorher im Foto festzuhalten.

 

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Wie groß ist das Archiv der Weggeworfenen Dinge? Wie viele Dinge hast du besessen, dokumentiert und entsorgt? Und was macht diese Menge an Gegenständen, die unsere Leben phasenweise bereichern, mit uns als BesitzerInnen?
Ich kann gar nicht genau sagen, wie groß das Archiv meiner entsorgten Dinge ist. Freilich ist im Laufe von drei Jahrzehnten hier viel Material zusammengekommen. Ich habe es bisher noch nie zusammengezählt, vielleicht sollte ich das mal in Angriff nehmen. Ich schätze, dass es bis zu 250 Fotos sein dürften. Vielleicht auch 300.  Es ist so: Ich besitze all diese Dinge, jedoch besitzen diese Dinge in gewisser Weise auch mich. Und ich bin sicher, dass es vielen anderen (wohl den meisten) genauso ergeht. Man muss höllisch aufpassen, dass man sich von seinen Besitztümern nicht zu sehr vereinnahmen lässt, sonst ist man nicht mehr wirklich frei. Man kann eben auch sehr schnell zum Sklaven seines Eigentums bzw seines Wohlstandes werden. Ich wäre schon gerne reich, aber ein zuviel an Reichtum möchte ich gar nicht haben, da würde ich sofort mit anderen – Familie, Verwandtschaft, Freunde, bedürftige Menschen usw. – teilen.  Ich habe über viele Jahre hinweg für wohltätige Zwecke gespendet (UNICEF, SOS Kinderdorf u.a.) und tue dies auch heute noch. Mit unserer derzeitigen Lebensweise und unserem Konsumverhalten – so sind mir diese ganzen Coffee to go Becher ein echtes Gräuel, die bringen jede öffentliche Mülltonne innerhalb kürzester Zeit zum überlaufen – belasten und ruinieren wir die Welt, in der wir leben. Ich frage mich oft, in was für einer Welt unsere Kinder, Enkel und Urenkel einmal leben werden und leben müssen…

 

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Welche Auswirkung hat die fotografische Beschäftigung mit den zu entsorgenden Dingen auf dein Konsumverhalten?
Meine fotografische Beschäftigung mit zu entsorgenden Dingen hat an sich keinen Einfluss auf mein  Konsumverhalten, doch beide entspringen dem gleichen Denken bzw. der gleichen Überzeugung. Ich kaufe möglichst nur Dinge, die lange halten, achte sehr auf Qualität, Verarbeitung und Langlebigkeit, beispielsweise bei Textilien jeglicher Art, bei Schuhen, praktisch bei allem, was ich kaufe. Die Dinge, die ich kaufe, sollen eben möglichst lange halten, ich gehe daher auch sorgfältig mit ihnen um. Daher ist es für mich selbstverständlich, für gute Qualität auch mehr Geld auszugeben. Von “Geiz ist geil” und von “Ex und Hopp” halte ich überhaupt nichts. Da ist das eine so grundfalsch und bescheuert wie das andere. Denn wer langlebige Dinge kauft und auf Qualität achtet, der leistet auch einen echten Beitrag zu Umweltschutz. Ein Problem in unserer Zeit ist, dass viele wegen ihrer finanziellen Situation wie z.B. Geringverdiener, Personen, die von Altersarmut betroffen sind oder Hartz 4 Empfänger, sich oft genug hochpreisige Sachen nicht mehr leisten können und auf Discounter angewiesen sind, wobei ich aber ganz klar nichts gegen Discounter sagen möchte! Millionen von Menschen sind schließlich auf solche Geschäfte angewiesen.

 

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Welche Veränderungen der Gegenstände oder ihrer Abbildung ergaben sich über den mehrjährigen Zeitraum, in dem das Archiv gewachsen ist?

Früher habe ich von Dingen, welche ich entsorgt habe, meist nur ein oder zwei Fotos gemacht. Heute ist es so, dass ich Dinge oft aus verschiedenen Blickwinkeln bzw. Perspektiven fotografiere. Erst vor kurzem habe ich meinen alten Laptop von 2006  entsorgen müssen, da dieser wegen eines falschen und ungeeigneten Netzteils zu viel Stromstärke abbekommen hat und dadurch leider innerlich völlig zerstört worden ist. Ich habe den Labtop vor dem Entsorgen beim Wertstoffhof aus verschiedenen Blickwinkeln abgelichtet, so auch das Typenschild und Schilder mit technischen Angaben, wie vor einiger Zeit auch bei einer zu entsorgenden Fotokamera. Die Gegenstände haben sich in den letzten Jahren auch ein wenig verändert. Damals habe ich noch alte Socken fotografiert, heute tue ich das fast nicht mehr. Das Bedürfnis ist einfach nicht mehr so groß. Heute konzentriere ich mehr auf das, was ich für wesentlich halte, oft mache ich in meinem Tagebuch nur noch eine kurze Notiz wie “Heute alte Unterwäsche entsorgt”, das muss einfach genügen

DAS ARCHIV MEINER ENTSORGTEN DINGE
FRANZ-XAVER DONAUBAUER
8. – 11. DEZMEBER 2016